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Wörtliche Übersetzung oder Adaption? Die Diskussion um die Synchronisation von Neon Genesis Evangelion.

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Kennen Sie Gualtiero Cannarsi?
Wahrscheinlich kommt Ihnen, Freunde von STUDIOTRE, dieser Name nicht bekannt vor, es sei denn, Sie sind von den Protagonisten der italienischen Synchronisation begeistert oder Fan des japanischen Anime Neon Genesis Evangelion (NGE).

Gualtiero ist nämlich der in den letzten Monaten über Google am häufigsten gesuchte Übersetzer und dies seit es Evangelion auf Netflix seit letztem Juni gibt. Seitdem begehren die Anime-Fans in den sozialen Netzwerken förmlich auf, weil „die Synchronisation eine Katastrophe ist und das Werk abschnittsweise verunstaltet“.

Welche „Fehler“ sind es, die die Liebhaber von NGE so sehr in Rage bringen?
Hier sind einige Beispiele aus verschiedenen Artikeln, die in den letzten Wochen im Internet erschienen sind:

  • In der neuen Version von NGE werden die Monster „Apostel“ statt „Engel“ genannt. Eine Wahl, die für Diskussionen sorgte, denn in vielen Szenen der Serie taucht der englische Begriff „Angel“ mehrmals auf, und im Eröffnungslied „Zankoku na tenshi no teeze“ (übersetzt: „Die These des grausamen Engels“) ist der Bezug auf Engel nicht zufällig;
  • die verwendete Sprache ist oft archaisch: „Wir haben vernommen, dass die Zufluchtnahme bereits beendet ist“;
  • das militärische Wortgut ist unrealistisch: „Keine Widerspenstigkeit, schlagt das Ziel nieder“, „Die Kriegsgewalt schafft es nicht, den Stillstand herbeizuführen.“

Tatsächlich liegt der eigentliche Schwerpunkt der Debatte nicht auf den vermeintlichen Übersetzungsfehlern, sondern auf zwei verschiedenen Ansätzen – die Adaption und die wörtliche Übersetzung – die den Genuss eines komplexen Werkes wie Neon Genesis Evangelion seitens des Publikums stark beeinflussen.

Adaptieren bedeutet, ein (literarisches oder kinematographisches) Werk so vollständig wie möglich aus der Fremdsprache in die eigene Muttersprache zu übertragen und dabei den Nuancen, Absichten und Emotionen treu zu bleiben, die der Autor ausdrücken möchte, und den allgemeinen Sinngehalt dem einzelnen Wort vorzuziehen.
Keine leichte Aufgabe, insbesondere wenn die Sprachen und Kulturen sehr verschieden sind, wie dies beim japanischen und italienischen Publikum der Fall ist.

Cannarsis Ansatz hingegen ist eher auf eine wörtliche Übersetzung aus dem Japanischen ins Italienische ausgerichtet. Er selbst hat immer wieder erklärt, dass er, zulasten der Grammatik und Syntax der zeitgenössischen italienischen Sprache, „dem Werk und nicht dem Publikum dient“.

Der Unterschied ist simpel: In der italienischen Version eines japanischen Films kann „Itadakimasu“ mit „Guten Appetit“, einer Adaption an die italienische Umgangssprache oder, entsprechend dem Ansatz von Cannarsi, mit „In Dankbarkeit empfange ich dieses Mahl“ übersetzt werden.

Im Falle von Neon Genesis Evangelion scheint die Wahl einer derart originalgetreuen Übersetzung verhindert zu haben, dass das italienische Publikum – alte Fans und neue Zuschauer – die Schönheit dieses japanischen Anime genießen kann, die durch eine „schwülstige, unverständliche und stalaktitische“ Sprache getrübt wird.

Was meinen Sie, Freunde von STUDIOTRE?
Sind Sie auch schon einmal von einem filmischen oder literarischen Werk enttäuscht gewesen, dessen Fan Sie sind? Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen auf unserer Facebook-Seite oder schreiben Sie uns eine E-Mail.

04 Sep, 19

 

 

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